Naturfoto des Monats
- August 2004 -


Moschusochse - Ovibos moschatus

Das Dovrefjell und die Moschusochsen

Norwegens Nationalpark „Dovrefjell“ ist ein Plateaufjell oberhalb der Waldgrenze. Das Fjell präsentiert sich als eine wellige, weit überschaubare Hochfläche. Die Größe beträgt 26.500 Hektar. In diesem Gebiet erhebt sich das von West nach Ost verlaufende Nationalgebirge Norwegens mit dem „Snöhetta“, einem 2.286 hohen Berg, der ganzjährig vergletschert ist.
Auf dem Hochfjell überwiegt eine flechtenbewachsene Steinlandschaft, die immer wieder von Mooren und Sümpfen und an einigen Stellen durch Flüsse und Bäche unterbochen wird. In den tiefer gelegenen Gebieten wachsen Birken, Weiden und Sträucher. Angeblich kommen alle in Norwegen bekannten Bergpflanzen im Dovrefjell vor, und so haben diese Berge die Botaniker bereits seit mehr als zwei Jahrhunderte fasziniert.
Der Nationalpark hat seine Berühmtheit erlangt, weil er das einzige Gebiet in Norwegen ist, wo der wildlebende „Moschusochse“ vorkommt.
Ungefähr vierzig Tiere ziehen durch das Fjell als Nachkommen von Tieren, die man 1930 und 1947 aus Grönland holte und hier ausgesetzt hat.
Die Moschusochsen waren früher in vielen Gegenden Norwegens heimisch, doch die letzten Tiere wurden bereits vor Jahrhunderten von den Wikingern ausgerottet. Der Moschusochse ist das typischste Säugetier der Polarzone, ein kälteliebender Wiederkäuer, der schon in der Eiszeit zusammen mit dem Mammut, dem Wollhaarigen Nashorn und dem Rentier die Tundragebiete Eurasiens und Nordamerikas bewohnte. Nähert sich jemand den Moschusochsen, so nehmen sie „Igelstellung“ ein, d.h. sie bilden einen Verteidigungsring. Den äußeren Kreis bilden erwachsene Bullen, Kühe und jüngere Bullen. Nach innen werden die Kälber und die Jungtiere zurückgedrängt. Diese Igelstellung hat die Moschusochsen besonders bekannt gemacht.

Wenn man von Dombas auf der E 6 in Richtung Norden fährt kommt man nach 45 Minuten nach Kongsvoll, einem Zentrum mit alten Gebäuden und einer Gastwirtschaft mit Übernachtungsmöglichkeit.

Von Kongsvoll aus kommt der Naturfotograf verhältnismäßig leicht zu den Moschusochsen aufs Hochplateau. Der Aufstieg beginnt in einem Birkenwald, führt danach durch Gebüschzonen, bis man nach einer knappen Stunde das baumlose Fjell erreicht., das Ende Juli, Anfang August ein dichter Teppich von Zwergbirken und Kriechweiden bedeckt.
Festes Schuhwerk sowie Regenkleidung, Proviant und ausreichend Flüssigkeit gehören zur Grundausstattung bei Wanderungen auf dem Dovrefjell.

Selbst wenn man bei blauen Himmel und strahlendem Sonnenschein startet, können oben auf dem Fjell in wenigen Minuten dunkle Wolken aufmaschieren, oft zu spät, um trocken den Rückmarsch anzutreten.

Für den Tierfotografen stellt sich vor Antritt der Tour die wichtige Frage: Was packe ich alles in den Rucksack?

Meine Ausrüstung bestand im Juli 1997 aus einem 3,5/20-35-, 2,8/70-200-, und einem 4,5/500 mm Objektiv, sowie 1,4 fach Konverter, zwei Gehäusen, Stativ, Filmmaterial, Verpflegung, Regenanzug, Faserpelzpullover und ein paar Strümpfen zum Wechseln. Kein leichtes Unterfangen, den ca. 24 Kilogramm schweren Rucksack auf den Berg zu bringen. Aber oben angekommen erhält man für all die Mühen und Plagereien die Belohnung: Moschusochsen in freier Wildbahn.

Bereits zu Beginn Ihrer Tour, wenn sie den kleinen Birkenwald durchqueren,
sollten Sie auf der Hut sein. In diesem unübersichtlichen Gelände ist es nicht immer möglich, die Moschusochsen rechtzeitig zu entdecken. Es passiert sehr oft, daß plötzlich ein als Einzelgänger herumziehender alter Bulle auftaucht, warnend den Kopf senkt und Ihnen den Weg versperrt. Überlegen Sie jetzt nicht lange, ziehen Sie sich sofort zurück, sorgen Sie schnellstens für eine Abstandsvergrößerung. Der Moschusochse, der bei 1,50 Meter Schulterhöhe und einer Länge von ca. 2,50 Meter ein Gewicht bis zu 300 Kilogramm auf die Waage bringt, kann sich
augenblicklich in Bewegung setzen und ist mit Sicherheit schneller als Sie.

Tierfotografen, die zum ersten Mal eine Begegnung mit dem Moschusochsen haben und bei einer solchen Situation beginnen, ihr Fotogerät aufzubauen, werden sehr schnell merken, daß dies ein schwerwiegender Fehler war.
Trotzdem scheint es so, daß jeder seinen Ehrgeiz daransetzt, von den Moschusochsen einmal gründlich in die Flucht geschlagen zu werden.
Fast jedes Jahr berichtet die örtliche Presse über Sprintduelle dieser Art.
Wie ich erfahren habe, sollen bis heute zwei Personen bei Begegnungen mit Moschusochsen getötet worden sein. Es ist verständlich, daß über diese Vorfälle nur ungern berichtet wird.

Auch ich habe vor einigen Jahren bei meinem ersten Dovrefjell-Besuch Lehrgeld bezahlen müssen.
Kurzer Bericht zum Ablauf des Geschehens:

Bis auf 100 Meter hatte ich mich vorsichtig einem alten Moschusochsenbullen genähert, der auf einem mit Zwergbirken und Kriechweiden bewachsenen Berghang äste. Mit dem 500 mm-Teleobjektiv und angeschlossenem 1,4 fach Konverter machte ich vom Stativ aus die schönsten Aufnahnen von dem langhaarigen Prachtexemplar. Der Bulle nahm kaum Notiz von mir. Er schien sich durch meine Anwesenheit nicht gestört zu fühlen. Wenig später legte sich der Fünf-Zentner- Koloß zum Ruhen auf den steinigen Boden. Das war für mich die Gelegenheit, etwas näher an ihn heranzukommen. Aus ca. 70 Meter Entfernung konnte ich ihn nun formatfüllend auf den Film bannen. Superscharf zeichneten sich seine Augen im Sucher ab. Ein wenig zu scharf, wie ich wenig später feststellen mußte.

Gerade wollte ich einen neuen Film einlegen, da passierte es: Der Moschusochse sprang auf und griff mich gradlinig mit einem Tempo an, was ich ihm nie zugetraut hätte. Mit der Fotoausrüstung auf der Schulter rannte ich um mein Leben. Als das Tier nur noch ein, zwei Meter hinter mir war, rutschte ich aus.

Das war Glück im Unglück für mich: Ich verlor meine Fotoausrüstung.

Das verchromte, in der Abendsonne leuchtende Stativ und die große Linse des 500 mm- Teleobjektives iritierten den Angreifer. Er brach die Verfolgung ab und ich konnte mich in Sicherheit bringen. Mit gesenktem Kopf verhielt der Moschusochse vor der auf dem Steinboden liegenden Fotoausrüstung, berührte sie aber nicht.

Dann machte er kehrt und ging langsamer Gangart zu einer 20 Meter entfernten Gebüschgruppe, wo er größere Zweige einige Minuten lang wütend mit seinen Hörnern bearbeitete.

Meine Fotoausrüstung, die ich nach längerer Atempause wieder aufsammeln konnte, war bei der Aktion nur leicht beschädigt worden.

< zurück zur Übersicht